Pantha du Prince - Glühen 4

Ein Satz soll fallen (wie ein Anker, oder wie Kleider) - English / German

In einem hastig geschriebenen Austausch von Emails, dessen Zweck in der Vereinbarung eines Treffens in Hamburg besteht, fixiert mich der Pantha und schnurrt: Entweder wir beide vermögen in einem einzigen Satz, der dann dasteht wie in Stein gemeißelt, zu formulieren, worum es hier geht – oder wir schreiben ein ganzes Buch. Worum es hier geht, bedeutet hier: worum es ihm geht. Ihn lerne ich dann bei unserem Treffen kennen, an einem frühen Abend, verbracht zwischen „Smallville“, dem Plattenladen aus dem Umfeld des Labels DIAL, und dem Ausstellungsraum in einem zu dieser Zeit noch geschlossenen Pudel Club, in welchem Hendrik Weber die innere Dynamik von Schiefer hörbar zu machen versucht; bei einer Fahrt im Volvo, mit dem Hendrik sonst zwischen Paris, wo er lebt, und Berlin pendelt; in der Begegnung mit einer Person mit Namen Stella und in einem Gespräch über die Band gleichen Namens; während des Auftauchens weiterer Bandnamen (Egoexpress, Workshop) und, am Ort des Restaurants Brachmanns Galeron, eines Spätzlemachers, der eigentlich Musiker und Co-Autor von Pantha Du Princes Remix für Depeche Mode ist... So nimmt einer langsam Gestalt an in den Bezügen, in denen er steht und die er vor einem in seinen Handlungen und Äußerungen entfaltet.

Der eine Satz – das war gewissermaßen die Vereinbarung. Und als mich einige Zeit später die Frage quält, worin denn diese eine Aussage bestehen könnte, da fällt mir erst keine ein.

Erst beim Anhören des in Brachmanns Galeron geführten Gesprächs taucht die Aussage auf, in dem Moment, in dem Hendrik Weber sagt: „Wir haben das eigentlich jahrlang gemacht, dass man einen Loop hat – diese Wolfgang Voigt-Technik, nenne ich das mal: du hast einen Loop, einen Streicher-Loop, einen Gitarren-Loop... und daraus setzt du dann halt die Musik zusammen. So kann Techno eine ganz eigene Sprache entwickeln, aus der Monotonie von gleichlaufenden Loops heraus. Und als Grundlage hat man bei dieser Technik halt immer den Bezug zu einem Punkt in seiner eigenen Geschichte oder in der Musikgeschichte.“

Das ist die Aussage, das ist unser Satz. Wenn auch im Negativ.

Dieser Satz bildet den „Verankerungspunkt“ (Weber über die Funktion von Samples) des zweiten Pantha Du Princes Albums „This Bliss“, das sehr schön ist und in ein Boot gehört nicht nur mit Lawrence von DIAL, sondern auch mit Daft Punk, Stardust, mit Whirlpool Productions, mit Arthur Russell, mit den Pet Shop Boys.

Die Musik nicht in Bezug auf einen Punkt in der Vergangenheit zu verankern, nicht aus einem Sample zu entfalten, nicht in einem Loop sich ergeben lassen... Die Musik auch nicht bauen: keine Konstruktion anlegen, keine Architektur entwerfen... „Weg von der Sampling-Idee, hin zum Instrumentieren.“ (Weber) Um zu erfragen, was das heißt, sage ich: Ich finde das Album fett.

„Fett findest du es, echt? Ich habe ja gedacht, es wird überhaupt nicht fett...“ Stört dich das, wenn man es fett findet? „Nee, ich habe aber nicht damit gerechnet (lacht)“ Ach so, okay. Aber dir kam es doch auch nicht sehr ZART vor oder spröde, oder so etwas? „Doch, ich dachte, es ist alles ein bisschen zu spröde.“ Ach ja. „Aber ich muss jetzt auch sagen...“ Schau mal hier, meine Notizen: spröde fiel mir als Wort auch ein, aber als ein Gegenbegriff. Aber nicht als... „Nicht als das, was es ist.“

So sind wir nun bereits zum zweiten Mal von einer Verneinung eingeholt worden. Erklärungen finden sich aber auch. Im Fall der fetten Produktion ist es das Mastering von Dubplates & Mastering. In einem anderen Fall – es geht um die Frage, wie man eigentlich weiß, wann ein Stück fertig ist, der Produktionsprozess abgeschlossen, liegt die Erklärung in einer anderen Person: Wenn sie nach Hause kommt, die Tür öffnet, den Raum betritt, dann ist das Stück fertig.

Solche Erklärungen erklären vielleicht nicht mehr als Negationen, aber, wie diese, sagen sie doch sehr viel aus. So sprechen sie etwa davon, wie brüchig, wie fragil dieser Ort beschaffen war, aus dem „This Bliss“ her vorging. Entsprechend ist auch der Verankerungspunkt in der Vergangenheit, den Weber gelten lässt, eine leere Zeit in den Neunzigerjahren. In ihr war er aus Kassel nach Hamburg gekommen, aber dort noch nicht angekommen (d.h. sie hatten Tobin Records noch nicht gegründet, er war noch nicht Bassist bei Stella geworden...). „Das ist so ne komische Zeit bei mir, so ne leere Zeit.“ (Weber) „This Bliss“ erinnert dementsprechend an Vieles, aber an nichts konkret. Und selbst darüber wundert sich Weber noch.

„This Bliss“ ist ein House-Album. Es ist Techno, Track Music. Aber weil ihm die Kultur des Techno fremd geworden ist (fremd geblieben ist) – der Blueprint ihrer Musikform (Architekturen zu bauen aus geloopten Samples), ihre Form des Exzesses (tagelang, Tage danach), ihre Arbeits- und Publikationsweisen (Veröffentlichungen auf EPs, auf verschiedenen Labels, ständig) – hätte es ein zweites Pantha-Album eigentlich nicht geben sollen. Warum hat er es dann aber doch getan?

Das zwölfminütige Stück „Walden 2“ wandelt sich nach ziemlich genau der Hälfte der Zeit weitreichend und gleitend zugleich. Wie in einem sehr cleanen Mix. Hendrik Weber: „Für mich ist das eins, für mich ist das nichts anderes. Für mich ist das kein Bruch, für mich gehört das da hin.“ Aber ein Wandel ist es für Dich doch auch? „Ja, ein Wandel ist es, genau.“ Es ist eine Veränderung. „Ja, es ist eine Veränderung.“ Bruch würde ich das auch nicht nennen, es ist nur etwas anderes. „Ich will das andere da hörbar machen.“ Wenn ich mich jetzt an das Stück erinnere, habe ich schon den Eindruck, es ist ein kompletter Austausch von ganz vielen musikalischen Parametern, was da stattfindet. Es sind ganze Sounds, ich glaube, sogar eine andere Melodie... „Ne, andere Sounds sind das nicht. So ein Beat-Gerüst läuft eigentlich immer durch. Das ändert sich eigentlich wenig. Auch alle Instrumente bleiben eigentlich gleich.“ Ah ja. „Das ist rein musikalisch, was sich da verändert.“ Okay. – Also, rein musikalisch, das heißt, was man mit den Instrumenten macht? „Die Harmonien, die Rhythmisierung... Okay, klar, manchmal gibt es schon Sounds, die an bestimmten Stellen kommen, die vorher nicht aufgetaucht sind. Aber es ist nicht so, dass sich da jetzt wirklich was verändert in meinem – also, das Orchester, das spielt, das ändert sich nicht.“ DIE Aussage, positiv ausgedrückt, ist dieses Orchester, die Harmonien im Wechsel, diese sehr ausgeführte, beinahe schon überbordende Musikalität. Woher kommt sie? Sie ist nicht voraussetzungsfrei einfach da. Sie entsteht an diesem Ort, an dem das Orchester abbricht, wenn jemand zur Tür herein kommt; dort, wo das Orchester, wenn es allein gelassen wird, sonst wie von selbst spielt. Webers Begriff vom Musizieren beinhaltet ganz wesentlich, das Spiel ausufern zu lassen. „Ich lass das vor sich hin Entwickeln und gucke, was passiert. Das ist wirklich wie ein Reden mit jemandem; und man weiß gar nicht, in welchem Raum man sich bewegt, oder mit welchem Thema...“ Weber hat eine Freude an der Vorstellung, „Maschinen mit sich selbst kommunizieren“ zu lassen... „und den sich daraus entwickelnden Prozess wieder zurückführen in eine Erzählung“.

Techno, die Track Music möchte ein angenehmes Nichts machen. Weber möchte vom Nichts her etwas machen. Etwas, ist gut. Denn es geht um alles. Es geht um den einen Satz, der alles sagt. Ein Satz? Gegen Ende unseres Gesprächs fällt aus Hendrik Webers Mund ein Satz wie ein Anker, oder wie Kleider: „Ein Wort muss ausreichen, um den ganzen Text zu erzählen, der da sein könnte.“

Jochen Bonz