Pantha du Prince - Glühen 4
Pantha du Prince: Zurück zum Entzücken - English / German
Hendrik Weber produziert nicht nur wunderbaren Techno, er klingt auch schon beim Reden gut. Als Pantha du Prince ist er schuld daran, dass man in Technoclubs neuerdings auch gerne Klassik hört. Wobei man wohl besser sagen sollte: deren Geist.
Techno hat schon allerhand erlebt in den mittlerweile zwanzig Jahren, die seine Ästhetik auf den Tanzflächen dieser Welt erprobt wird. Häufig waren es Kreuzungen mit anderen Musikstilen, die den Sound im Gespräch hielten. Wenn nun ein Produzent – nach Bleep-Techno, Dudelsack-Techno, Schlumpf-Techno und Discosample-Techno – auf die Idee kommt, eine elegische Streicherkomposition aus dem noch recht jungen Repertoire der Modernen Klassik über ein streng funktionales Vierviertel-Fundament zu legen, könnte man schlussfolgern: Aha, Klassik-Techno, noch so ein Gimmick. Hendrik Weber, der junge Mann, der vor kurzem genau das getan, nämlich ein Stück des britischen Miniaturisten Howard Skempton mit zupackenden Techno-Beats unterlegt hat, könnte mit Gimmicks allerdings nicht weniger am Hut haben. Sein Spezialgebiet sind ergreifende, entrückte und nachhaltig verstörende Momente. Von denen hat nicht nur „Saturn Strobe“, sein siebeneinhalb Minuten lang im Geigenhimmel schwebender Klassik-Track, sondern auch sein gesamtes neues Pantha-du-Prince-Album eine ganze Menge.
Man könnte es auch so sagen: Hendrik Weber ist ein Feingeist. Seine Feingeistigkeit zeigt sich darin, dass er betont, für „Saturn Strobe“ so viele Hallfahnen der Originalaufnahme übereinander geschichtet zu haben, dass dort im Grunde gar nicht mehr eines der bekanntesten britischen Orchester zu hören sei, sondern nur noch dessen „Geist“. Und zu dieser Feingeistigkeit passt auch, dass Weber nicht selbsttrunken losplappert, wenn man sich von ihm sein wunderbar gelungenes neues Album – es heißt „This Bliss“ – erklären lassen möchte. Im Gegenteil: Weber, der auf Fotos gerne die langen Strähnen seines Ponys ins Gesicht wischt, als wolle er nie so ganz gesehen werden, bedient sich der Worte, wie er sich der Sounds bedient: mit großem Bedacht und viel Eleganz. So sagt er ganz entzückende Dinge – zum Beispiel, dass er der Entdeckung britischer Shoegazing-Musik in seinen Teenagerjahren seine „musikalische Menschwerdung“ zu verdanken habe. Oder auch, dass er an der Staatsoper in Hamburg mal eine Tischlerlehre gemacht habe, weil „das was ganz Archaisches ist“ und es ihm damals wichtig gewesen sei, etwas zu können, „wie meine Großväter es konnten“. Oder er sagt, an einem Glas Riesling nippend, dass er seine Pantha-du-Prince-Live-Sets stets etwas forscher gestalte, um im „Regelwerk Club“, das er im Übrigen „als Setzung“ interessant finde, zu funktionieren. „Das ist dann immer auch ein Spiel mit dem Stumpfsinn“: Hendrik Weber klingt schon beim Reden gut. Die wenigsten Technoproduzenten können das von sich behaupten.
Am liebsten redet Weber, der in Hamburg lebt und als Bassist auch Mitglied der Band Stella ist, momentan allerdings über Entzücken. Entzücken, wie er es für „This Bliss“, sein neues Album, gesucht habe. Damit meint er nicht einfach gute Laune. Weber versteht unter Entzücken den Affekt, der seinen Hörer überwältigt, wenn sich ein zunächst unpassendes, als störend empfundenes Element in einem Track unerwartet in pure Schönheit auflöst – wenn die Stimmung für einen kurzen Moment unkontrolliert „umkippt“. Solche Momente ergeben sich in Webers kleinteiliger, hochromantischer, regelmäßig von feinen Gong- und Glöckchen-Sounds durchzogener Musik tatsächlich – dadurch, dass er seine Sounds nicht gänzlich dem Funktionalisierungs-Diktat moderner Clubmusik unterwirft, sondern auch disharmonische Obertöne, Schwebungen oder Resonanzen zulässt; sie als Chance begreift, aus der neue Stimmungen wachsen können. Auch auf die Gefahr hin, dass dem Hörer dann schon mal kurzzeitig der Boden unter den Füßen weggezogen wird. „Letztens habe ich einem Freund so einen Track vorgespielt. Er meinte dann nach ein paar Minuten: ,Da wird einem ja ganz schwindelig!’“, erzählt Weber stolz. „Genau darum geht es mir in so einem Moment aber: um eine Sogwirkung aus der Harmonie heraus. Man wird in diesem Wegziehen nicht hängengelassen. Man kommt immer wieder zu diesem Entzücken zurück.“
Ein Massiv aus düster-grollenden Orgelklängen, das mehr oder weniger unvermittelt in ein strahlendes Klirren umbricht, sodass man sich kaum noch im Club, sondern mitten auf einem funkelnden Gletscher in einer kristallklaren Nacht wähnt. Oder an sakrales Geklingel gebundene Echoschleifen, die einer völlig neuen Bassfigur den Weg räumen. Mögen solche Momente schon zu freudigem Taumel auf der Tanzfläche führen, verliert man als Rezipient dann endgültig die Orientierung, wenn man dazu noch die Titel von Hendrik Webers Tracks liest. Auf „This Bliss“ legt er mit ihnen zahlreiche verwirrende, in die verschiedensten Richtungen deutende Fährten. Namen wie „Urlichten“, „Florac“ oder „Eisbaden“ klingen zunächst noch wie direkt aus der Anthroposophen-Fibel übernommen, mit „Steiner im Flug“ ist aber keineswegs der Ur-Anthroposoph Rudolf Steiner gemeint, sondern der ehemalige Skiflug-Weltmeister Walter Steiner. „Asha“ könnte derweil problemlos unter Esoterik-Verdacht geraten, während „Walden 2“ dann entschieden in Richtung des alten Transzendentalisten und Blockhütten-Eremiten Henry David Thoreau lotst, der seinerzeit aus Protest gegen den amerikanischen Imperialismus die Strategie des zivilen Ungehorsams erfand – was zu Dial, einem Label, dessen Protagonisten sich sämtlich dem linken Spektrum zuordnen, natürlich ausgezeichnet passt.
„Ich arbeite nie referenziell“, betont aber Hendrik Weber. Sinnsuchen wie diese seien nicht nur vollkommen überflüssig, erklärt er, sie führten vor allem weg von seiner Musik. Das findet er nicht gut. Kein Wunder also, dass er – statt auch noch locker über Schnittstellenbesetzung, Diskurskurzschlüsse und Disziplin-Switches zu plaudern – sehr entschieden die Unterhaltung bremst, wenn man ihn noch darauf anspricht, dass er vor kurzem im Hamburger Pudel Club auch eine Ausstellung gehabt habe. Nicht als Musiker Pantha du Prince, sondern als bildender Künstler Hendrik Weber. Sicher, die Dial-Clique wird längst auch im Kunstkontext wahrgenommen – was nicht nur daran liegt, dass einer der Labelgründer, David Lieske alias Carsten Jost, im Galerienbetrieb reüssiert, sondern auch daran, dass die Cover der Veröffentlichungen stets Kunstwerke zitieren und das Label sich im vergangenen Jahr im holländischen Den Bosch im Rahmen einer institutionellen Ausstellung präsentierte. Das alles mag stimmen. Dennoch möchte Weber Kunst und Musik strikt voneinander getrennt wissen: „Dial ist keine Künstlergruppe. Es gäbe nichts Schlimmeres“, erklärt er. „Man darf wirklich nicht vergessen: Dial ist ein Techno-Label.“
An dieser Antwort gibt es natürlich nichts auszusetzen. Immerhin versteht Dial es, mit der Veröffentlichung von „This Bliss“ seinen Ruf zu untermauern, das Label mit dem romantischsten Techno-Entwurf aller Zeiten zu sein. Und wenn hin und wieder sogar noch ergreifende Klassik-Zwischenfälle mit unheimlichen Geister-Orchestern hinzukommen: Dann ist das schon Kunst genug.
Jan Kedves
