Pantha du Prince - Glühen 4
Pantha du Prince - English / German
Morgens angeln, abends philosophieren: Hendrik Weber hat den Marx’schen Alltagskommunismus upgedatet - nach dem Aufstehen macht er das Leben zum analogen Kunstwerk, vor dem Schlafengehen manipuliert er digitale Datenströme.
Man könnte ihn kennen als "Panthel" und "Glühen 4" und als Satellit der Hamburger Indiehouse-Clique um das DIAL-Label. Hendrik Webers aktuellstes und nachhaltigstes Projekt heißt "Pantha du Prince": 2003 erschien mit "Diamond Daze" das brachial introvertierte Debütalbum. Webers zwischen Indierock, Neuer Musik und Techno verbrachte Lehr- und Wanderjahre kommen hier zu sich, verdichten sich zu einer sublimen Körperlichkeit. Toll, so was zu erleben, wenn sich eine persönliche Geschichte in Schichten ablagert, ohne sich zum großen Supersinn zu fügen. Zwar finden sich kanonische Bezüge (Detroit-Techno, Theo Parrish, Moodyman, Acid House, das gute alte Techno-"Brett"), doch wird das Basisvokabular von Techno und House immerfort durch fremde Wortfetzen angereichert und verschmutzt. Es darf dazwischen geredet werden: Die Bedeutung von Noisepop (My Bloody Valentine, Slowdive, A.R. Kane) für das mitunter psychedelisch eiernde Pantha du Prince-Klangbild sollte nicht unterschätzt werden, ebenso wenig der Einfluss von E-Musik, Minimalismus und Folk. Jede Referenz spricht eine andere Sprache, wie das eigene Leben wird auch die Bedeutung vervielfacht und damit verdunkelt. Das Layering von Sounds und Stimmungen erzeugt eigenartige Effekte, weil hinter jeder Schicht eine neue zum Vorschein kommt. Es gibt kein Zentrum, kein "So und nicht anders!". Hendrik Weber liebt es, Funktionalitäten und gewachsene Klang-Organismen aufzulösen. Dabei ist auch eine unversöhnliche Melancholie im Spiel.
Und doch hat man nie das Gefühl, dass hier ein eitler Souverän feldherrenmäßig übers angezapfte Archiv waltet. Hendrik Weber entwischt dem längst auch in Techno und House angekommenen Zwang zu Inszenierung und Subjektgehabe. Lieber verweilt er auf der wackeligen Grenze zwischen Tun und Lassen, Kontrolle und Verschwendung, Ego und Exzess. Nur wo es auch Zweifel und Nichtwissen gibt, kann erschütternd Tolles passieren. Manchmal weiß die Musik mehr als ihr Produzent; man kann diese Hingabe an den Ocean of Sound auch 'digitale Romantik' nennen.
Bei Hendrik Webers Live-Auftritten als "Pantha du Prince" wird diese vage Haltung noch mal ganz anders erlebbar. Anstatt sich zum selbstgewissen Schamanen aufzuspielen, wirft Hendrik Weber dann seine Sounds mit einer aktiv-passiven Beiläufigkeit ins Publikum. "Es" geschehen lassen: Weil er Raum lässt für die Schwingungen des Nicht-Kontrollierbaren, schafft Hendrik Weber es in den besten Momenten, auf konkreten Räumen (Clubs, Bars, öffentliche Wohnzimmer) jene "anderen Räume" zu errichten, von denen Michel Foucault meinte, dass sie "Gegenplatzierungen oder Widerlager" seien - "tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind." Webers eigenartige Performance in diesem "Ort außerhalb aller Orte" erinnert dabei an David Bowie, Andy Warhol und Beckett- Theater: Was sind das bloß für seltsame Gesten Richtung Laptop-Screen? Will er die unsichtbaren Datenströme beschwichtigen und von irgendwelchen Entgleisungen abhalten? Oder liegt da nur eine kleine Erbse unter der Tastatur? Dazu dann seine nervöse Eleganz - verdammt sexy und glamourös wirkt das alles. Doch Obacht: Die Sehnsucht nach dem ultimativen Effekt, nach der "Die Bassdrum geht, das Heilige kommt"- Erlösung wird höchstens angetriggert, nie erfüllt. Zwar wandelt Hendrik Weber multifunktional zwischen Avantgarde und Abfahrt, Geräusch und Gerave, doch verweigert er sich der Erwartung nach Instant-Verzückung. Nichts ist schließlich öder als die idiotensichere Verknappung der unendlichen Möglichkeiten von Musik … deshalb schnappt hier, was gut klappt, nicht ein, sondern wird alsbald ganz woanders hingeführt. Da klappt es dann halt anders. Es geht Hendrik Weber auch um ein unheroisches Aufbegehren gegen die Topographie des Spaßterrors. Dafür legt er Tausende andere Begehrensströme frei. Wer die noch nicht kennt, sollte sich vom Pantha verführen lassen. Nur das unprogrammierte Glück ist wirklich was wert; Marx nannte es "das Reich der Freiheit".
Aram Lintzel, Dezember 2004
This Bliss - English / German
Daheim ist er ein Tourist. Es ist die Rede vom DJ, Produzenten, Komponisten und Möbelbauer Hendrik Weber, der als Panthel, Glühen und Bassist der Hamburger Band Stella durch immer neue Welten wandelt. Und jetzt endlich auch wieder als Pantha du Prince.
Nach Remixen unter anderem für Depeche Mode und phantom/ghost sowie "zwei der schönsten Sommerhits des Jahres" (bleed in de:bug über "Lichten/Walden") liegt uns nun sein neues Album "This Bliss" vor, das einmal mehr im Zentrum und an den Grenzen von House und Techno agiert. Es ist hier und anderswo entstanden, auf Reisen, zu Besuch bei Freunden, im Zug, im Flugzeug, im Transit zwischen Hamburg, Berlin, New York und einem alten Pariser Kloster. In fes- che Diskursworte gekleidet: Das zweite Pantha du Prince-Album nach "Diamond Daze" (2004) ist ein Werk, das man zu recht "nomadisch" nennen kann, weil die mobilen Produktionsbedingungen sich im Produkt selbst niederschlagen. Die Bunkerbilder aus dem Paul Virilio-Buch "Bunker Archeology" im Booklet legen eine falsche Fährte, denn eingebunkert klingt hier nichts. Eindringlinge und Emissionen werden wie bisher zugelassen und gewollt. Bewusst gesetzte technologische und kommunikative Unschärfen sorgen dafür, dass das Zentrum auf "This Bliss" immer in Bewegung ist und so je nach Situation und Stimmung Sog- oder Fliehkräfte erzeugt. Versöhnte Ruhe kehrt kaum ein - selbst dann nicht, wenn die Bassdrum gerade nicht Boss ist. "This Bliss" klingt wie eine abenteuerliche Reise ans Ende der Welt (und der Nacht), die Soundbites verästeln sich zu schwelgerischem Zierrat oder zerstäuben zu glitzernden Klangfunken (wobei eine geisterhafte Tropfsteinhöhle oft das Klangideal dieser Detailarbeit zu sein scheint).
Aus den Registern des Schönen hat Pantha du Prince, nicht zuletzt inspiriert vom Eso-Minimalisten Wim Mertens, diesmal wirklich alles heraus gekitzelt. Ornament als Versprechen also? Manchmal. Aber irgendwie finden diese umherschweifenden Fragmente in entscheidenden Momenten zueinander und verdichten sich zu prekären Intensitäten. Tracks wie die Terry Riley-Hommage "Moonstruck" gehören ob ihres überkandidelten Minimal- ismus in jeden Club. Aber wir müssen wissen: "Abfahrt" bedeutet auch Abschiednehmen für den Reisenden. Und so ist der Pantha du Prince-House auf "This Bliss" trotz deutlicher Destinationen (Detroit, Moodymann, Minimal, Acid, das sanfte Brett) und echten Hits, die alles wollen und können, immer auch von einer unnach- giebigen Melancholie befallen. "Walden II" klingt da mit seiner ausgestellten Innerlichkeit wie eine Lektion in negativer Dialektik für den Club. Was für eine verheißungsvolle und zugleich zweifelnde Emphase: Der Flow bleibt immer fragil und uneindeutig, stets bedroht vom Verschwinden. Ein Stück auf "This Bliss" heißt pro- grammatisch "White out": Statt wie auf "Diamond Daze" Taktiken der Verdunkelung, sind es nun Methoden der Überblendung und Überbelichtung, die eine flirrende, fiebrige Atmosphäre schaffen. Auf diesem weißen Flachland gibt es zuviel Licht, das wie die Abwesenheit von Licht aus allem Nichts macht. In seiner gleißen- den Grelle verschwimmen die Konturen, Himmel und Hölle werden ununterscheidbar. "Black out"/White out" – wo ist nur der Unterschied? Jede Bewegung erstarrt in dieser Überhelle zum hetzenden Stillstand.
Dieses Einfrieren hat im Fall von Pantha du Prince zugleich romantische und konzeptuelle Qualitäten: Eine nach innen gekehrte Halluzination stellt sich ein, unter umgekehrten Vorzeichen - um 12 Uhr Mittags statt um 12 Uhr nachts. Ununterscheidbarkeit wo andere sich klare Ansagen erhoffen: "Silent War" nennt Hendrik Weber selbst diese Zone, in der Chaos und Ordnung, Krieg und Frieden, Ruhe und Lärm Eins werden. Der Track "Eisbaden" ist wie ein Soundtrack zu dieser desorientierenden Erfahrung für Körper und Geist. Ebenso verdampfen die Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen Ich und den Anderen in Webers Umgang mit fremdem Material. "Saturn Strobe" ist eine Coverversion eines Stücks des zeitgen- össischen Komponisten Robert Skempton, aber die Streicher klingen durch die Phasenverdrehung nun nicht mehr nach dem Original, sondern wie eine surreale Erfindung. "Steiner im Flug" gewinnt aus mikros- kopischen Spurenelementen des Popol Vuh-Soundtracks zu Werner Herzogs Film über den skurrilen Ski- flieger eine irrlichternde Hommage an Steiner. "Seeds of Sleep" versucht sich an einer Grenzverwischung der unterschiedlichen Klangkonzepte von Neu! und Orchestral Manoeuvres in the Dark. Ob solches Wissen über persönliche Mythologien wirklich weiterhilft, um sich in den kristallinen Welten von Pantha du Prince zurechtzufinden? Wissen ist nicht immer Macht und Schönes lässt sich nicht zusammenfassen. Genau da, wo Erkennungsdienste versagen, fängt alles erst so richtig an.
Aram Lintzel, September 2006
